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Becher aus „Bambusware“

Am 30.12.2019 von Emil Löxkes

Gefäße aus Melamin-Formaldehyd-Harz wie „Coffee to go“ Becher aus „Bambusware“ können gesundheitlich bedenkliche Stoffe in heiße Lebensmittel abgeben Der Kunststoff Melamin-Formaldehyd-Harz (MFH) wird, unter anderem wegen seiner hohen Bruchsicherheit, häufig für die Herstellung von Geschirr verwendet. In den letzten Jahren werden dem Kunststoff zunehmend alternative Materialien wie Bambusfasern als Füllstoff zugesetzt. Die so hergestellten Produkte werden häufig als „Bambusware“ gekennzeichnet und beworben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bewertet, ob bei der regelmäßigen Verwendung von füllbarem MFH-Geschirr wie Mehrweg-„Coffee to go“ Bechern, Kindertassen oder -schalen mit heißen flüssigen Lebensmitteln wie Kaffee, Tee oder Brei gesundheitliche Risiken bestehen. Die regelmäßige Aufnahme zu hoher Mengen an Melamin über einen längeren Zeitraum kann zur Bildung von Harnwegssteinen und zu einer Schädigung der Nieren führen. Bei dauerhaft zu hoher Aufnahme von Formaldehyd wurden im Tierversuch Entzündungen im Bereich des Magens beobachtet. Bei seiner gesundheitlichen Risikobewertung stützt sich das BfR auf Daten der Überwachungsbehörden der Länder sowie auf eigene Untersuchungen. Insgesamt lagen Ergebnisse zur Formaldehyd-Freisetzung aus 366 Bechern, Tassen und Schalen (138 aus „herkömmlichem“ MFH und 228 aus „Bambusware“) sowie zur Melamin- Freisetzung aus 291 Gegen- ständen (111 aus „herkömmlichem“ MFH und 180 aus „Bambusware“) vor. In der Bewertung wurde unterschieden, ob es sich um „herkömmliches“ MFH-Geschirr oder um „Bambusware“ handelt. Dem BfR liegen keine Informationen dazu vor, ob die hier betrachteten Proben ein repräsentatives Abbild des in Deutschland auf dem Markt erhältlichen MFH-Geschirrs darstellen. Die BfR-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nahmen für ihre Bewertung an, dass Erwachsene an etwa fünf Tagen pro Woche Kaffeegetränke aus einem Mehrweg-„Coffee to go“ Becher bzw. dass Kleinkinder täglich Tee, Milchgetränke oder Brei aus Tassen, Bechern oder Schalen aus MFH verzehren. Diese Annahme basiert auf den Ergebnissen von Verzehrsstudien. Zur Bewertung eines möglichen Gesundheitsrisikos hat das BfR die geschätzten täglichen Aufnahmemengen mit gesundheitlichen Richtwerten, so genannten duldbaren täglichen Aufnahmemengen (TDI) verglichen. Ein TDI beschreibt die Menge eines Stoffes, die Verbraucherinnen und Verbraucher täglich ein Leben lang ohne gesundheitliches Risiko aufnehmen können. Für Melamin verwendete das BfR den von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2010 abgeleiteten TDI von 0,2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag (0,2 mg pro kg Körpergewicht pro Tag). Für Formaldehyd hat das BfR in der vorliegen-den Stellungnahme auf der Grundlage der vorhandenen Studien einen TDI von 0,6 mg pro kg Körpergewicht pro Tag abgeleitet. Allerdings sollte für Formaldehyd der Beitrag aus Le- bensmittelkontaktmaterialien für Erwachsene lediglich 20 % von diesem Wert betragen, da Formaldehyd auch natürlicherweise in mehreren Lebensmitteln enthalten ist. Nach Ansicht des BfR hängt jedoch ein mögliches Gesundheitsrisiko bei der Aufnahme von Formaldehyd © BfR, Seite 2 von 62 www.bfr.bund.deBundesinstitut für Risikobewertung nicht nur von der täglichen Gesamtaufnahmemenge, sondern auch von der Formaldehyd-Konzentration im Lebensmittel ab. Deshalb hat das BfR zusätzlich zum TDI eine maximal duldbare Formaldehyd-Konzentration eines Nahrungsmittels abgeleitet, die sich aus der Freisetzung von Formaldehyd aus einem Lebensmittelkontaktmaterial ergibt. Das Ergebnis: Die Formaldehyd-Freisetzung war bei etwa einem Viertel des „Bambusware“-Geschirrs so hoch, dass der TDI um das bis zu 30-fache für Erwachsene bzw. um das bis zu 120-fache für Kinder überschritten wurde. Auch die maximal duldbare Formaldehyd-Konzentration wurde durch die Freisetzung aus allen Geschirr-Proben dieser Gruppe deutlich überschritten (bis zum etwa 90-fachen). Die Formaldehyd-Freisetzung war für den Rest des untersuchten „Bambusware“-Geschirrs deutlich niedriger. Dennoch lag sie im Schnitt etwa 30 % höher als die Freisetzung aus „herkömmlichem“ MFH-Geschirr. Auch bei Geschirr aus diesen beiden Materialien ergab sich für Personen, die es sehr häufig nutzen, eine tägliche Formaldehydaufnahme, die den TDI um das fast Dreifache überschreiten kann. Die maximal duldbare Formaldehyd-Konzentration wird durch die Formaldehyd-Freisetzung bei 12 % des „herkömmlichen“ MFH-Geschirrs bzw. bei 27 % der „Bambusware“-Proben überschritten. In Bezug auf Melamin zeigt sich, dass das „Bambusware“-Geschirr im Mittel eine mehr als doppelt so hohe Freisetzung aufweist wie „herkömmliches“ MFH-Geschirr. Für Erwachsene stellen die gemessenen Melamin-Freisetzungen kein Gesundheitsrisiko dar. Kleinkinder, die sehr häufig heiße Lebensmittel aus MFH-Geschirr und insbesondere aus „Bambusware“ verzehren, können jedoch täglich bis zur dreifachen Menge des TDI aufnehmen. Aus Sicht des BfR ist ein erhöhtes Gesundheitsrisiko möglich, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher täglich heiße flüssige Nahrungsmittel in Geschirr aus MFH abfüllen und zu sich nehmen. Bei einer langfristigen täglichen Verwendung von „Bambusware“-Geschirr mit besonders hoher Formaldehyd-Freisetzung hält das BfR ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für wahrscheinlich. Außerdem zeigte sich bei wiederholten Tests an ein und demselben Geschirr eine von Test zu Test zunehmende Freisetzung von Melamin. Dies deutet darauf hin, dass das Material durch den Kontakt mit heißen Flüssigkeiten angegriffen und zerstört wird. MFH ist demnach nach Ansicht des BfR generell nicht für den wiederholten Gebrauch im Kontakt mit heißen flüssigen Nahrungsmitteln geeignet, wie dies beispielsweise bei Mehrweg- „Coffee to go“ Bechern oder Tassen der Fall ist. Das BfR empfiehlt daher (wie bereits in der Stellungnahme Nr. 012/2011), keine heißen Speisen oder Getränke aus MFH-Geschirr zu essen oder zu trinken. Dies gilt sowohl für Geschirr aus „herkömmlichem“ MFH als auch in besonderem Maße für „Bambusware“-Geschirr. Das BfR weist zudem erneut darauf hin, dass alle Gegenstände aus MFH nicht für die Verwendung in der Mikrowelle geeignet sind. Nahrungsmittel mit Zimmertemperatur können dagegen problemlos aus MFH-Geschirr verzehrt werden, da eine relevante Freisetzung von Melamin und Formaldehyd erst bei hohen Temperaturen stattfindet. Um ein ausreichendes Schutzniveau für Verbraucherinnen und Verbraucher zu erreichen, schlägt das BfR zudem vor, den in der Europäischen Kunststoffverordnung (Verordnung (EU) Nr. 10/2011) festgelegten spezifischen Migrationsgrenzwert für Formaldehyd von 15 auf 6,0 Milligramm pro Kilogramm Lebensmittel zu senken.